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Stadtbefestigung

Unsere Exkursion beginnen wir auf der Dominsel, die zwischen den Flüssen Warthe und Cybina liegt. An dieser Stelle entstand im 10. Jahrhundert eine mächtige Burgstadt, die neben Gniezno (Gnesen) am besten in ganz Polen befestigt war. Über die Rolle von Poznań entschied damals die strategisch günstige Lage der Stadt. Man konnte hier sehr gut die Warthe überqueren, was südlich noch nördlich der Stadt erst Dutzende Kilometer weiter möglich war. Die strategische Rolle von Poznań war umso größer, weil die Stadt den Weg nach Gniezno im Westen, vor einem potentiellen Angriff der Deutschen absicherte. Kaiser Heinrich II. unterließ 1005 die Eroberung der Stadt und schloss einen Friedensvertrag mit dem König Bolesław Chrobry ab (1005). Bis zum 13. Jahrhundert war die Poznańer Burg ein wichtiges Glied im polnischen Wehrsystem. Sie war von einem 10-12 Meter hohen und bis zu 25 Meter breiten Wall umsäumt, der aus Erde, Stein und Holz gebaut und später mehrmals umgebaut und verstärkt wurde. Teile des Walls sind bis heute erhalten und bald werden sie zu einer der bedeutendsten Attraktivitäten des in der Ulica Posadzego entstehenden archäologischen Reservats. Die Einfahrt in die Burg überwachten hölzerne Tore, entlang der gesamten Wehranlage befanden sich ebenfalls Beobachtungstürme.

Dominsel

Die Poznaner Burgstadt bestand aus zwei Teilen. Zum Ersten aus der Fürstenburg, die sich im Dreieck des Strassen Panny Marii, Dominsel und Plac Katedralny befand. Bedeutendstes Bauwerk war der Fürstenpalast mit der Kapelle (Pallatium), der an der Stelle der heutigen Marienkirche stand. Der zweite Teil der Burgstadt wurde mit separaten Wällen umsäumt und gruppierte sich um die Domkirche, die 968 an dieser Stelle gebaut wurde. Das Wehrsystem ergänzte außerdem eine fortifizierte Siedlung der Kaufleute und Handwerker zwischen den Strassen Wyszyńskiego, Zagórze und Wieżową.

1038 wurde die Burgstadt von dem böhmischen Fürsten Bretislaw abgebrannt. Der Chronist Gallus Anonymus schrieb, dass sich damals im Poznańer Dom wilde Tiere ansiedelten und die Hauptstadt nach Krakau verlegt wurde. Die Poznańer Burg wurde jedoch schnell wiederaufgebaut. Als Polen 1138 in Provinzen aufgeteilt wurde, wurde Poznań zur Hauptstadt von Großpolen (Wielkopolska).

 

Die Altstadt

1253 erhielt Poznań die Stadtrechte und am linken Flussufer begann der Aufbau einer neuen, idealen, mittelalterlichen Stadt. In der Mitte entstand der Markt mit geraden Häuserwänden, parallel angelegte Strassen, genaustens geplant war auch der Verlauf der Mauer, die die Stadt schützen sollte. Die Befestigung war sehr widerstandsfähig, so dass die Stadt den Eroberungsversuchen von Johann von Luxemburg im Jahre 1331 erfolgreich standhalten konnte. Die Stellen, an denen sich einst die Wehrmauer befand, sind in Poznań mit rotem Kopfsteinpflaster gekennzeichnet. Wenn man den Spaziergang auf der Dominsel beginnt, sehen wir die roten Steine in der Wielka Strasse, wo ihre Unregelmäßigkeit darauf hindeutet, dass sich an dieser Stelle einst das Große Tor, eines der vier ehemaligen Einfahrtstore befand. Unseren Spaziergang entlang der mittelalterlichen Befestigung beginnen wir jedoch erst an der Kreuzung der Strassen Wroniecka und Stawna. Rekonstruiert wurden hier Teile des Wroniecka-Tores, zwei Basteien und ein 41,5 m langer Teil der Wehrmauer. Im Mittelalter war die gesamte Schutzmauer 2300 Schritte (etwa 1725 m) lang.

 

Die rekonstruierten Teile der Schutzmauer stellen eine mächtige Befestigung dar, die zusätzlich mit einem Teich und mit einem Wassergraben verstärkt waren, der von dem Wasser des Flusses Bogdanka gespeist wurde. Von dieser Seite hat niemand die Eroberung der Stadt gewagt. Das Stück der authentischen Außenmauer ist Teil des ersten Gebäudes in der Solna Strasse (Wroniecka 12). Die Mauer war an dieser Stelle 11,5 m hoch und mit zahlreichen Basteien bestückt. An einer von ihnen gehen wir vorbei, sie hieß früher Katharinen-Bastei. Erbaut wurde sie im 14. Jahrhundert und im 16. Jahrhundert wurde sie weiter ausgebaut. Die Basteien hatten zwei Geschosse, die zwei letzen waren mit zahlreichen Schussscharten versehen.

 

Am Ende der rekonstruierten Stadtmauer, in der Masztalarska Strasse, befinden sich Überreste einer der Basteien in der Außenmauer. Ihre Existenz verdanken wir der Involvierung von Teilen der Befestigung in ein Haus, das an dieser Stelle im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Die Bastei wurde entdeckt, als die Stadt nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg aufgeräumt wurde. Sie wurde in ihrer authentischen Form aufrechterhalten. Bemerkenswert sind die 1,5 m dicken Mauern und die zahlreichen Schussscharten.

 
 

Wir setzten unseren Spaziergang auf der Zamkowa Strasse fort. Wir laufen auf den Przemysł-Hügel, wo im 13. Jahrhundert das Schloss - ein wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Befestigung - gebaut wurde. Das Schloss übte auch eine repräsentative Funktion aus und wurde 1295 zum Hauptsitz des polnischen Königs - Przemysł II. Das Ganze beherrschte der Wehrturm und die Mauern waren an dieser Stelle 3 m stark. Das Schloss wurde mehrmals umgebaut und im 18. Jahrhundert entstanden an seiner Stelle Häuser, die bis heute überdauert haben. Untergebracht ist darin das Museum für Angewandte Kunst. Wenn man vom Przemysł-Hügel Richtung Ludgardy Strasse hinabsteigt, sieht man einen Teil der erhaltenen Außenmauer, die sich in ihrem weiteren Verlauf der Fassade des Nationalmuseums anschließt. An dieser Stelle hat man am häufigsten versucht, die Stadt zu erobern, hier war die Schutzmauer am meisten den feindlichen Angriffen ausgesetzt. Der letzte Teil der mittelalterlichen Befestigung befindet sich zwischen der Wroniecka Strasse und dem Jesuitenstift. In der Wronieckia Strasse befand sich das Wroniecka-Tor, wo der erhaltene Teil der Mauer begann, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in die Fassade des Hotels Saski überging. Der freigelegte Teil der Mauer entstand um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts, als die Jesuiten die alte Schutzmauer teilweise abtrugen, um dort die Stiftskirche zu errichten. Im Gegentausch mussten sie dann die Mauern und die Basteien wiederaufbauen.

 

Festung Poznań

Die strategische Rolle der Stadt stieg, als Poznań infolge der 2. Teilung ein Teil Preußens (1793) wurde und als sich nach den napoleonischen Kriegen die Grenze zwischen dem preußischen und russischen Besatzungsgebiet nach Westen verschob (1815). Poznań wurde zur einzigen potenziellen Festung, die Berlin im Falle eines Konflikts mit Russland verteidigen konnte - die Hauptstadt der Provinz lag an der kürzesten Strecke zwischen Berlin, Warschau und Moskau. So begann man die Stadt in eine Festung umzubauen. Im 19. Jahrhundert wurde auf dem die Stadt beherrschenden Hügel das Kernwerk Winiary (die Zitadelle) errichtet und die Stadt wurde später mit einer dichten polygonalen Festung umsäumt. Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Festung mit 18 Bollwerken verstärkt, die die Stadt bereits im weitesten Vorfeld schützten. Die Befestigung wurde aus Mobilisierungsgründen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verstärkt, was Poznań zu einer der größten militärischen Anlagen in Europa machte, zu einer Festungsstadt, die sehr langer Belagerung ausgesetzt werden konnte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde jedoch mit der Abtragung des inneren Befestigungsrings begonnen, der angesichts der sich rasch entwickelnden militärischen Technik keine wesentliche Verteidigungsfunktion mehr spielte. An der Stelle des abgetragenen Rings entstand u.a. die Schlosssiedlung.

 

Als Festung wurde Poznań praktisch nur einmal, 1945 getestet, als die Deutschen die Stadt vor den sowjetischen Truppen verteidigten. Eine Möglichkeit einer erfolgreichen Verteidigung gab es nicht, aber dank der alten preußischen Befestigung konnten die Deutschen den sowjetischen Truppen einen Monat lang standhalten. Die Reste der Befestigung sind bis heute erhalten. Das größte Bollwerk in der Stadt, auf dem Hügel von Winiary (Zitadelle) wurde größtenteils abgerissen und in einen Park verwandelt. Im ehemaligen Kriegslabor befindet sich heute das Rüstungsmuseum und die in Kasematten verwandelte Estakade der Kleinen Schleuse beherbergt das Museum der Armee "Poznań".

 

Eines der wenigen erhaltenen Teile des inneren Rings ist das Blockhaus des Bollwerks Colomb im Marcinkowski-Park. Dank dem darin untergebrachten Pub kann man das Innere des Bollwerks besichtigen. Erhalten sind ebenfalls alle 18 Forts (9 Haupt- und 9 Mittelforts), die die Stadt umgaben.

 

Im Moment kann nur der Fort VII teilweise besichtigt werden, wo das Museum für das Martyrium der Bürger Großpolens untergebracht ist. Im Zweiten Weltkrieg befand sich an dieser Stelle ein Konzentrationslager für polnische Bevölkerung. Während der im Juni stattfindenden "Befestigungswoche" ist jährlich ein Fort zur Besichtigung freigegeben - die Besichtigung findet in historischen Uniformen statt.

Poznań in Bocuse d'Or 2020

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